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Aus: Wohnung + Gesundheit 136, Herbst 2010, S. 7-9
Baubiologische Altbausanierung (Christian Kaiser)
Haus am Graben, Hallau
Auf den ersten Blick bieten ehemalige Ökonomiegebäude oft ungeahnte Raumreserven und bauliche Möglichkeiten.
Doch die Ernüchterung kann groß sein, wenn bei messtechnischen Untersuchungen hohe Konzentrationen
giftiger Holzschutzmittel festgestellt werden. Giftige Altlasten dieser Art können erheblichen Einfluss auf
das planerische und bauliche Konzept nehmen.
Die Schaffhauser Landgemeinde
Hallau liegt malerisch eingebettet im
fruchtbaren Hügelland der deutschschweizerischen
Voralpenregion
Klettgau und bietet eine herausragende
Wohnqualität. Die Hügel sind
durch Weinanbau geprägt, in den
Tälern stehen dichte Mischwälder,
durchzogen von Sumpfwiesen, in denen
Frösche und seltene Vögel sich
ein Stelldichein geben. Eine idyllische
Landschaft mit einer noch vielseitigen
und naturnahen Ökologie.
Gebäude mit zwei Gesichtern
Das Gebäude in der Bahnhofstraße,
welches im Bereich des früheren
Stadtmauergrabens errichtet wurde,
zeigt sich zur Hauptstraße hin
repräsentativ im großbürgerlichen
Stil seiner Erbauungszeit Mitte
des 19. Jahrhunderts. Für ein ländliches
Wohnhaus verblüfft es durch
seine imposante Größe. Ein Erker,
der mittig die Straßenfassade prägt,
machte es möglich, stets eine gute
Aussicht auf das Geschehen entlang
der Hauptstraße zu haben. Im Inneren
sind alle Räume mit halbhohen
kassettierten Wandvertäfelungen
verkleidet und mit mächtigen Kachelöfen
ausgestattet
Zur rückwärtigen Seite jedoch zeigt
sich das Gebäude komplett verwandelt,
da der direkt angebaute Ökonomieteil
im typischen bäuerlichen
Fachwerk errichtet wurde und auf
die repräsentativen Kennzeichen des
Vorderhauses verzichtet. Obwohl
beide Fassaden und Gebäudeteile
(Wohnhaus und Ökonomieteil) annähernd
gleich groß und unter einem
einheitlichen Dach aneinander gefügt
sind, wirken sie wie zwei unabhängige
Gebäude mit einem städtischen
und einem ländlichen Gesicht.
Raumreserven als Nutzungschance
Schon kurz nach dem Kauf des
Gebäudes war es der Wunsch der
Bauherren, die bisher leerstehenden
Dachräume und/oder den Ökonomiebereich
zu Wohnzwecken ausoder
umzubauen. Bei der ersten
Besichtigung, zusammen mit dem
Architekten, wünschte das Bauherren-
Paar, den immensen mehrgeschossigen
Dachraum zu einer
großen Wohnung auszubauen, da
die beiden bisher ausgebauten Wohnungen
im Vorderhaus mit ca. 55
m2 relativ klein und unvorteilhaft
geschnitten waren. Zudem wohnte
in der oberen Wohnung seit über 30
Jahren eine Mieterin, der die Wohnmöglichkeit
erhalten bleiben sollte,
während die Bauherrenfamilie für
sich und ihre Kinder eine größere
Wohnung benötigte.
Nach einem detaillierten Gebäudeaufmaß
wurden in einem ersten
Planungsschritt die Möglichkeiten
und Potenziale des Hauses ermittelt.
Dabei wurde schnell klar, dass
der Dachausbau zu aufwändig und
teuer werden würde. Nach mehreren
Planungsvarianten fiel die Entscheidung
zugunsten einer bescheideneren
Wohnungserweiterung in
den leer stehenden Scheunenbereich.
Dadurch entstand eine zusammenhängende
120 m2 große Geschosswohnung
mit Wohn-, Koch- und
Essbereich im ehemaligen Ökonomieteil.
Im gleichen Zuge wurde der
Zugang zur Erdgeschoss-Wohnung
abgetrennt und die Räume in der verbleibenden Kleinwohnung im EG
zusammengefasst. Die Bauherrenfamilie
und die Mieterin würden dann
die Wohnungen tauschen, so dass
die bereits ältere Mieterin ebenerdig
mit wenigen Stufen wohnen und
die junge Bauherrenfamilie sich im
Obergeschoss (OG) ausbreiten kann.
Das Dachgeschoss würde weiterhin
unausgebaut als Kaltraum belassen
und evtl. in einem späteren Schritt,
sofern es die Finanzlage zulässt, zu
einer separaten Wohnung ausgebaut
werden können.
Bausünden der 1970er Jahre
Da die statisch intakten Holzbauteile
mit Holzschutzmittel behandelt
waren, schickte der baubiologische
Architekt eine Probe ins Labor. Die
Ernüchterung folgte sogleich, da
im Labor das schwerflüchtige und
hochgiftige PCP (Pentachlorphenol,
240 mg/kg) gefunden wurde. Weitere
Holzschutzmittel konnten nicht
oder nur in unauffälligen Konzentrationen
nachgewiesen werden. Da der
Grenzwert gemäß PCP-Richtlinie
bei 50 mg/kg und nach Chemikalien-
Verbots-Verordnung bei nur 5 mg/kg
liegt und somit weit überschritten
wurde und auch der Baubiologische
Richtwert gemäß Standard der Baubiologischen
Messtechnik SBM viel
zu hoch ist (unauffälliger Wert: 1-10
mg/kg), ließ sich die Bauherrschaft
vom Architekten rasch davon überzeugen,
dass ein möglichst umfassender
Rückbau der kontaminierten
Bauteile erforderlich sein würde,
zumal die belasteten Räume später
zum Wohnen, Kochen und Essen
vorgesehen waren.
Bei einer Grundsanierung des Gebäudes
in den 1970er-Jahren hatte
der Vorbesitzer die nach einem
Zeitraum von mehr als 70 Jahre ungeschädigten
Balken ohne Not mit
chemischem Holzschutz behandelt.
Im gleichen Zuge wurden sämtliche
alten (und bewährten) Strohlehm-
Ausfachungen an der Ost- und
Nordfassade des Fachwerkes entfernt
und gegen zementgebundene
Holzwolleleichtbauplatten ersetzt,
die mit Dispersionsfarben gestrichen
wurden. Die Folge hiervon war, dass
sämtliche Farbbeschichtungen abblätterten,
sich die Platten verformten
und an vielen Stellen auch der
Putz abplatzte. Die Sanierung dieser
Bausünden erforderte aufwändige
Sanierungsmaßnahmen mit hohen
Kosten. Teilweise wurden auf der
Südseite noch schadensfreie alte
Lehmgefache vorgefunden und sanft
saniert.
Sensibler Umbau
Hohe Anforderungen an die Planung
und Baudurchführung waren dadurch
gestellt, dass alle Bautätigkeiten Zug
um Zug im bewohnten Bestand erfolgen
mussten. Es wurden daher
in einem ersten Schritt der Ausbau
des leer stehenden Ökonomieteils,
sowie die Sanierung der bröckelnden
Fachwerkfassade durchgeführt.
Gleichzeitig wurde in einem Zimmer
der OG-Wohnung ein neues
Bad eingebaut. Als diese Bereiche
fertig gestellt waren, konnte die
Baubiologische Architektur
Bauherrenfamilie in den 1. Ausbauteil
einziehen, während die untere
Wohnung innerhalb einer Woche für
den Umzug der Mieterin vorbereitet
wurde. Nachdem auch dieser Wohnungswechsel
erfolgt war, wurden
die restlichen Räume des Obergeschosses
frei und konnten zu einer
zusammenhängenden Wohnung
verbunden werden. Zum Abschluss
folgten noch der Ausbau des unteren
Hauseinganges, sowie die Fertigstellung
der vorgelagerten Terrasse
auf der Ostseite. Insgesamt dauerten
die Bauarbeiten nur ein halbes Jahr.
Konsequent baubiologische
Sanierung
Nach dem Rückbau kontaminierter
Bauteile wurden neue Ausbauten
mit ausschließlich natürlichen Materialien
getätigt. Um die anspruchsvollen
Vorgaben zur Energieeinsparung
einzuhalten, wurde der gesamte
neue Ausbauteil allseitig wärmegedämmt.
Die Decken gegen unbeheizte
Räume (Dach und Halle)
wurden mit Holzweichfaserplatten
gedämmt, die Außenfassade erhielt
eine innere Dämmschale aus Leichtlehmsteinen,
die durch eine Leichtlehmfüllung
mit der neuen Fachwerkausmauerung
aus Tonziegeln
verbunden wurde. Die Leichtlehmsteine
ermöglichen ein ganzjährig
gutes Raumklima aufgrund ihrer
guten Eigenschaften bezüglich Wärmespeicherung
und Feuchtepufferung.
Alle Wände wurden mit reinem
Kalkputz verputzt und anschließend
mit einer Kalkglätte abgeglättet.
Die Fachwerkgefache wurden auf
der Außenseite neu kissenförmig
mit Kalkputz verputzt und mit reiner
Mineralfarbe gestrichen. Die Balken
wurden gereinigt, geflickt und mit
reiner Naturölfarbe gestrichen. Das
Farbkonzept orientiert sich am Bestand.
Es wurden gelbliche Farbreste
unter der schadhaften Dispersionsfarbe
gefunden. Zu diesen wurde
ein dunkles Blau für die Fachwerkbalken
in Kontrast gesetzt, um die
Struktur des Fachwerkes besser
wirken zu lassen. Das dunkle Blau
nimmt zudem Bezug auf herrschaftliche
Fachwerkgebäude bürgerlich
geprägter Orte. Die Farbgebung wurde
mit der Denkmalpflege und der
örtlichen Baubehörde abgestimmt.
Diese begrüßten die Neufassung des
Gebäudes und den ökologisch-baubiologischen
Ansatz sehr.
bestehende Konstruktionsgefüge
des Fachwerkes eingepasst. An einzelnen
Stellen wurde das Fachwerk
mit altem Holz umgebaut, so dass
sich die neuen Lichtöffnungen harmonisch
und selbstverständlich in
das Erscheinungsbild einfügen. Im
Bereich der vorherigen Süd-Loggia
wurden die Fenster auf der Innenseite
vorgesetzt, so dass die Optik der
Loggia erhalten blieb.
Letztendlich sind noch zwei Balken
mit Stützen der holzschutzmittelbelasteten
Konstruktion im Raum verblieben.
Diese wurden allseitig mit
einer Schadstoffmaskierung (=versiegelnder
Anstrich) versehen und in
einem freundlichen Lichtgrau farblich
gefasst.
Der alte Dielenboden im Innenraum
wurde entfernt und ein neuer Massivholzboden
aus heimischer Douglasie
ausgeführt. Im Küchenbereich
wurden anthrazitfarbene Feinsteinzeugfliesen
auf Gipsfaser-Estrichelementen
verlegt. Alle Wände wurden
mit reiner Mineralfarbe gestrichen.
Einen Blickpunkt schafft die neue
Küche, die mit ihren kräftig orangen
Fronten und einer grau geflammten
Granitabdeckung hervorsticht.
Die bestehenden Türen wurden aufgearbeitet
und ebenfalls lichtgrau
gestrichen. Neue Türen wurden in
gleicher Farbigkeit mit Massivholzrahmen
eingesetzt.
Energieverbrauch reduziert
Die Haustechnik tritt dank reduzierter
Plattenheizkörper im Wohnraum
in den Hintergrund. Lediglich
die neue thermische Solaranlage, die
in das Dach integriert wurde und für
Brauchwarmwasser und Heizungsunterstützung
genutzt wird, zeigt, dass
auch im technischen Bereich intensiv
saniert wurde. Vor der Sanierung
lag der Jahres-Primärenergiebedarf
bei 203 kWh/m2a, nach der Sanierung
liegt dieser mit 73 kWh/m2a (=
36 %) erfreulich niedrig und sogar
um ca. 9% unter den Vorgaben der
deutschen Energieeinsparverordung,
sowie den Schweizerischen Anforderungen
nach SIA 380/1. Dies erspart
den Bauherren nicht nur zwei Drittel
ihrer Heizkosten, sondern bringt
trotz vergrößerter Wohnfläche der
Umwelt eine Real-Einsparung von
3.830 kg CO2 pro Jahr (dies entspricht
dem CO2-Ausstoß eines Kleinwagens
bei 22.000 km Fahrleistung).
Augenmaß bewahren
Trotz der guten Ergebnisse der Sanierung
in baubiologischer und ökologischer
Hinsicht war es Architekt
und Bauherren wichtig, bei allen
Entscheidungen Maß zu halten: So
wurden möglichst viele Qualitäten
des bestehenden Gebäudes erhalten,
wie z.B. die alten Holztreppen. Das
Raumkonzept orientiert sich an der
Gebäudeausrichtung und Belichtung,
sowie an der Realisierung einer
kreuzungsfreien Mieter-Vermieter-
Situation. Die Wahl öko-logischer
Materialien war auch eine logische
Folge der schlechten Erfahrungen
mit den in den 70er Jahren durchgeführten
Sanierungen.
Die Gesamtkosten lagen mit 300.000
SFr. (= ca. 200.000 EUR) im Hinblick
auf eine neu gewonnene Wohnfläche
von 64 m2 im Gebäude und 35
m2 Terrasse als moderat anzusehen,
zumal darin auch folgende weitere
Kosten enthalten sind: Die Erneuerung
der Haustechnik (Elektroinstallationen,
Heizung, Sanitär,
Solaranlage), die bereits beschriebenen
bautechnischen Sanierungen,
die Vorplatzgestaltung mit 4 neuen
Parkplätzen sowie Honorare und
Nebenkosten.
Die Bauherren genießen das neue
Wohngefühl mit viel Raum, Licht
und Ausblicken, u.a. auf die benachbarte
ehemalige Erbsenfabrik,
und freuten sich bereits während der
Baumaßnahme, dass „es auf dieser
Baustelle nie unangenehm roch“.  
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