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Aus: Wohnung + Gesundheit 136, Herbst 2010, S. 32-34
Was strahlt denn da? (Michael Thiesen) - Volltextversion
Von der geologischen Störung zur radioaktiven Belastung und Sani
Die alte Gerberei in Höhr-Grenzhausen, erbaut Ende 18. Jahrhundert, sollte, von den neuen Eigentümern achtsam
und baubiologisch saniert, zu neuem Leben erweckt werden, zu einem kreativen Familienleben. Besonderes
Augenmerk lag auf der Beachtung der geologischen Gegebenheiten, neben Gesundheit und Wohlbefinden
fördernden, schadstoffarmen Wohnräumen. Was als Messung der geologischen Störungen begann, endete mit
der Feststellung einer radioaktiven Belastung. Endete? Nein, hier begann der Weg durch ein strahlendes Tal,
hin zu gesunden Wohnräumen.
Die alte Gerberei
Ein altes Haus mit Flair und einem
Mix aus handwerklicher und künstlerischer
Geschichte, ruhig am Hang
in Bachnähe gelegen, mit Blick auf
Wald und Feld, am Rand des alten
Ortskerns von Grenzhausen, der
heutzutage wieder zu neuem Leben
erwacht. Keramiker und andere
Künstler, wie auch die Familie Articus,
siedeln sich hier an, Cafés entstehen,
Altes erblüht neu. Im Falle
der Gerberei kann das Neue auf 60-
80 cm Basalt-Mauerwerk des Kellergeschosses
entstehen. Dies trägt
das Erdgeschoss, erstellt als Bimsstein-
Massivmauerwerk. Die beiden
darüber liegenden Geschosse wurden
in einfacher Fachwerkbauweise,
wiederum mit Bimsstein ausgefacht,
erstellt. Sowohl das recht stark gebogene
Kellergewölbe, wie auch die
Geschossdecke zwischen EG und
OG wurden seinerzeit mit Bimsschüttung
verfüllt. Eine insgesamt
typische Bauweise dieser Gegend.
Neben vielen wichtigen Bausteinen
zu einem gesunden, modernen Heim,
Messungen zur Holzschutzmittelbelastung,
der Installation einer Klimawand-
Wandflächenheizung, der
Verwendung von Lehmputz und
Dämmmaßnahmen im Bereich der
Außenwände z.B., war der Baufamilie
die Beachtung der natürlichen,
geologischen Gegebenheiten wichtig.
Die Schlaf- und Hauptaufenthaltsbereiche
sollten möglichst nicht
über geologischen Störungen liegen.
Geologie, Radioaktivität
und Radongas
Geologische Störungen, wie Verwerfungen
der Erdschichten, können
zu auffälligen Veränderungen in der
natürlichen radioaktiven Gammastrahlung
unserer Erde führen. Es ist
bekannt, dass Schlafstörungen oder
ähnliche Symptome die Folge sein
können.
Radioaktivität und Radongas begleiten
uns Menschen seit Beginn der
Zeit, ein völlig natürliches Phänomen.
Kritisch können lediglich starke
natürliche Schwankungen oder
unnatürliche Erhöhungen werden,
beispielsweise durch radioaktive
Strahlung emittierende Baustoffe. Eine dauerhafte Einwirkung erhöhter
radioaktiver Strahlung kann zu Zellmutationen
wie Krebs oder Leukämie
führen. Auch die Ansammlung
von aus der Erde aufsteigendem Radongas
im Haus, in unserer Atemluft
kann kritisch sein. Das Risiko, an
Lungenkrebs zu erkranken steigt mit
der Radongaskonzentration. Folgerichtig
betrachtet und bewertet die
Baubiologie all diese Faktoren zum
Wohl der Bewohner.
Messung der geologischen
Störungen und der Radioaktivität
Die geologischen Störungen wurden
mittels eines bleiummantelten gammastrahlenspezifischen
Szintillationszählers (Natrium-Iodid Kristall)
in einem 50*50cm Raster über die
gesamte Grundfläche ermittelt; Referenzen
wurden rund um das Haus
an verschiedenen Stellen ermittelt.
Die Ergebnisse stellten sich wie
folgt dar:
Die Messwerte des KG sind schwach
auffällig, die des EG hingegen liegen
mit über 100% Abweichung gegenüber
den rund um die Gerberei im
Freien ermittelten Referenzwerten
im Bereich einer extremen Auffälligkeit
nach SBM-2008 (=Standard
der Baubiologischen Messtechnik).
Die in den jeweils 60 Sekunden
Messdauer von dem Kristall im Geräteinnern
aufgenommenen Impulse
nehmen vom EG zum OG mit stark
auffälliger Messwerterhöhung bis
zum unauffälligen DG ab. Da auch
in der Nähe der Wände keine signifikanten
Messwerterhöhungen festzustellen
war, wurde aus diesen ersten
Messungen geschlossen, dass es im
Bereich der Geschossdecken KG
– EG und EG – OG eine radioaktive
Auffälligkeit gibt, welche jede mögliche
geologische Störung an Intensität
‚überlagert’. Was als Messung
der geologischen Störungen begann,
entwickelte sich nun zu einem radioaktiven
Problem, auch auf psychologischer
und sozialer Ebene:
Die Inhaber waren durch diese Ergebnisse
regelrecht geschockt. Wie
geht es weiter? Was, wenn das Haus
nun nicht bewohnbar ist? Mittlerweile
waren die Bauarbeiten im EG
vorangeschritten, ein Teil der neuen
Böden geliefert und schon verlegt.
Alles wieder rausreißen?
Um den Antworten auf diese Fragen
einen fundierten Boden zu geben
wurden zunächst die Ortsdosisleistungen
(ODL) als Bewertungs- und
Entscheidungsgrundlage mittels ei-
nes Geiger-Müller-Zählers, dem Inspector
SEI, ermittelt. Aus der gemessenen
ODL wurde die zusätzliche
durch die Baumasse zu erwartende
Strahlenbelastung der Bewohner pro
Jahr berechnet. Somit wird neben
der Bewertung nach SBM auch die
Bewertung nach dem Empfehlungswert
der Strahlenschutzverordnung
aus dem Jahre 2001 möglich: Die
in der Gerberei zusätzlich zu erwartende
Belastung mit radioaktiver
Strahlung liegt bei 1,4 Milli Sievert
pro Jahr (mSv/a) deutlich über dem
Empfehlungswert von 1,0 mSv/a.
Auch die Radongaskonzentrationen
wurden berücksichtigt, fielen aber
insgesamt unauffällig aus.
Diese Messungen (s. Tabelle 2/
Abb.1) bestätigten eindeutig den
Verdacht, dass die genannten Geschossdecken
als radioaktiv auffällig
zu bewerten sind. Da die Quellen
der radioaktiven Belastung bei der
geschilderten Bauweise durchaus
aus mehreren Bauteilen des Hauses
stammen können, wurden verschiedene
Baustoffproben zur exakten
Planung der Sanierung untersucht.
Die Baustoffanalysen mittels Gammaspektrometrie
ergaben, dass die
Geschossdeckenschüttungen, wie
auch das Mauerwerk des Kellergewölbes
tatsächlich stark auffällig
bezüglich der Radionuklide der Radium-
Reihe zu bewerten sind. Die
Bimssteine der Decke des OG erwiesen
sich als stark auffällig bzgl.
der Thorium-Reihe. Die Bewertung
nach der Leningrader Summenformel
für Baustoffe ergab insgesamt
eine schwache Auffälligkeit für die
genannten Proben. Nun war klar,
was vorher eine Hypothese war: Sowohl
das Bims-Mauerwerk als auch
die Bims-Schüttung des Kellergewölbes,
wie auch die ebenfalls aus
Bims bestehenden Steine und Schüttung
der Decke des OG waren in der
Summe die Ursache für die deutlich
erhöhten Werte der radioaktiven
Gammastrahlung. Die Bimsstein
Wände des EG wie auch des OG waren
unauffällig. Mit diesem Befund
hielten Klarheit und Zuversicht wieder
Einzug in der Gerberei.
Die Sanierung
Die Gesamtheit der Messungen
zeigte, welche Bauteile des Hauses
sanierungsbedürftig waren, die Frage
nach der Art der Sanierung war
schnell klar: Alles wieder rausrei-
ßen? Leider ja. Die Verfüllungen
der Geschossdecke des OG wurden
komplett entfernt, Schüttung und
Steine aus Bims mussten weichen.
Die neu verlegten Dielen des EG
wurden rückgebaut, die ca. 10 m³ (!)
Bims-Schüttung und Schlacke (welche
übrigens radioaktiv unauffällig
war) auf dem Kellergewölbe wurden
in Handarbeit entsorgt. Das Gewölbe
wurde mit einem Baryt-Abschirmputz
versehen, welcher die radioaktive
Gammastrahlung absorbiert.
Dieser Putz setzt sich aus Zement,
Kalk und Baryt (Schwerspat: BaSO4,
Dichte: 4500 kg/m³) zusammen und
seine Verarbeitung ist aufgrund des
Gewichtes wahre Knochenarbeit.
Der Erfolg
Die Widrigkeiten des Umbaus und
der Sanierung zehrten an der Kraft
der Baufamilie und ein Fünkchen
Unsicherheit blieb. War die Sanierung
erfolgreich? Die Sanierungskontrolle
beweist: Trotz aller Beschwerlichkeiten
kann die Sanierung
als voller Erfolg bezeichnet werden.
Die Messwerte nach der Sanierung
liegen auf dem Niveau der Außenreferenzen
und stellen nun lediglich
eine vernachlässigbare Erhöhung der
radioaktiven Belastung dar. Familie
Articus wohnt nun mit einem guten
Gefühl in den eigenen vier Wänden,
ohne zusätzliche Strahlungsbelastung.
Fazit der Baufamilie
Nach einer harten und nervenaufreibenden
Zeit des Umbaus leben
wir jetzt seit 9 Monaten in unserem
neuen Heim. Die Wochen nach Feststellung
der radioaktiven Belastung
und die Unsicherheit, in welchem
Umfang Sanierung nötig und überhaupt
möglich ist, haben uns sowohl
mental wie auch finanziell an unsere
Grenzen gebracht. Einen Verkauf
des Hauses mit dem Wissen um die
Strahlenbelastung konnten wir vor
unserem Gewissen ebenso wenig
verantworten, wie in der Strahlenbelastung
mit unserer Tochter zu leben.
So blieb nur der „saure Apfel“:
Geschossdecken raus, Böden raus,
Schüttungen raus, und neu anfangen.
Letztendlich sind wir froh, aus baubiologischer
Sicht die richtigen Entscheidungen
getroffen zu haben.
Wir freuen uns sehr über die positiven Ergebnisse der Abschlussmessung,
und fangen langsam an,
unser neues nun auch baubiologisch
gesundes Zuhause in seiner wunderbaren
Lage zu genießen.
Dank
Abschließend sei den Herren Helmut
Merkel, Hans-Peter Nilges
und Dr. Thomas Haumann für Ihre
freundliche Kooperation und Unterstützung
in diesem Projekt gedankt.
 
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