 Institut für Baubiologie + Ökologie IBN
IBN-Webcode
Bitte geben Sie hier den fünfstelligen IBN-Webcode ein, um weitere Informationen aufzurufen:
|
W+G Artikel
|
Home / Zeitschrift W+G / Artikel
Aus: Wohnung + Gesundheit 135, Sommer 2010, S. 28-30
Gründächer sparen Heizenergie (Gernot Minke) - Volltextversion
Neue Messergebnisse
Die Auswirkung von Vegetationsdächern auf den sommerlichen und winterlichen Wärmeschutz ist weder in
der Energieeinsparverordnung EnEV noch in der DIN 4108 (Wärmeschutz- und Energie-Einsparung in Gebäuden)
berücksichtigt. Aus diesem Grund wurden am Zentrum für Umweltbewusstes Bauen (ZUB), Universität
Kassel, in der Zeit vom November 2007 bis zum Februar 2009 Messungen an fünf unterschiedlichen Gründächern
durchgeführt, um deren Wärmedämmverhalten zu erfassen. Das Projekt wurde von der Deutschen
Bundesstiftung Umwelt (DBU) und der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung e.V. (FBB) gefördert.
Versuchsstand
Der Versuchsstand steht in ca. 14 m
Höhe im innerstädtischen Bereich
von Kassel. Er besteht aus einem
stark gedämmten klimatisierten Versuchsraum,
auf dem sechs 1,00 m x
1,20 m große Felder mit einer seitlichen
Dämmung von 25 cm Dicke
angeordnet sind.
In der Klimakammer herrscht eine
Solltemperatur von 20°C, die maximal
um 10 % schwankt.
Als Referenzfeld dient ein Dach mit
20 cm Wärmedämmung (λ = 0,04
W/mK) und wasserabführender
Dachhaut, jedoch ohne Substrat und
Vegetation. Die übrigen fünf Felder
weisen entweder 10 cm oder 20 cm
Wärmedämmung auf und haben entweder
8 cm oder 15 cm Leichtsubstrat
mit einer Vegetationsmatte aus
Sedum bzw. Sedum-Kräuter-Gräser-
Vegetation oder reiner Gräservegetation
(vergleiche Tabelle 1).
Die unterschiedlichen Substratdicken
und Vegetationsarten wurden
gewählt, um den Einfluss des Substrats
und der Vegetation getrennt zu
erfassen.
Je Messfeld wurden 12 Messfühler
(Pt 100) und raumseitig eine Wärmestrommesssonde
eingebaut, um die
Temperaturen unter dem Substrat in
Substratmitte und an der Oberkante
des Substrats zu ermitteln.
Die Messwerte der einzelnen Fühler
wurden alle 6 Minuten erfasst. Gleichzeitig
wurden die aktuellen Klimadaten
des Standortes von einer in ca. 20 m entfernten Meteorologischen
Station der Universität Kassel erfasst
Zu den Messergebnissen
Um das sommerliche und winterliche
Wärmedämmverhalten der
untersuchten Dachaufbauten zu vergleichen,
wurden einerseits deren
monatliche Transmissionswärmeverluste
ermittelt und gegenübergestellt,
andererseits die Bauteiltemperaturen
unter dem Substrat während
einer Woche in der Hitzeperiode und
einer Woche in der Kälteperiode dargestellt.
Abb. 1 zeigt die während einer
Sommerwoche unter dem Substrat
gemessenen Temperaturen (Bauteiltemperaturen)
der fünf Gründächer,
im Vergleich zu der unter der Dachabdichtung
ermittelten Temperatur
des Referenzfeldes ohne Substrat
und Vegetation. Die maximalen
Oberflächentemperaturen des Referenzfeldes
lagen um 25 bis 45°C höher
als die der Gründächer, obwohl die Lufttemperatur nur maximal um
7°C höher lag, was auf die starke
Sonneneinstrahlung zurückzuführen
ist. In der Nacht war die Oberflächentemperatur
des Referenzfeldes
dagegen um bis zu 7°C niedriger als
die Lufttemperatur, was auf den Effekt
der nächtlichen Wärmeabstrahlung
hinweist.
Bei dem Vergleich der Felder V und VI wird deutlich, dass die Substrathöhe
von 15 cm bei Feld V und dessen
dichterer Bewuchs durch Grassorten
eine stärkere Verringerung der
Temperaturamplituden bewirkt als
dies bei Feld VI mit nur 8 cm Substrathöhe
und überwiegend Sedum-
Bewuchs der Fall ist (siehe Abb. 2).
Diese Abbildung zeigt ferner. dass
die Außentemperaturschwankungen
durch die Wirkung des Gründaches
bei Feld VI um durchschnittlich ca.
50 % und bei Feld V um ca. 70 %
reduziert werden.
Besonders wirkungsvoll ist die
Dämpfung der Temperaturschwankungen
durch Gründächer im Winter, wie die an der Dachhaut gemessenen
Werte in Abb. 3 zeigen. Während in
der dargestellten Januarwoche die Außenlufttemperaturen
um max. 18°C
und die des Referenzfeldes um max.
15°C schwankten, zeigten die Felder
mit 15 cm Substrat keine Schwankungen
und die Felder mit 8 cm
Substrat nur Schwankungen von bis
zu 3°C. Während die Lufttemperatur
stets unter 0°C war und bis auf
-18°C sank und die Temperaturen
im Referenzfeld zwischen +3°C und
-12°C schwankten, sank die Temperatur
in den Feldern mit 15 cm Substrat
nie unter den Gefrierpunkt. Bei
den Feldern mit 8 cm Substrat gefror
der Boden dagegen.
Die Abb. 4 zeigt den Vergleich der
Felder V und VI in der Winterwoche
und verdeutlicht noch einmal
den Einfluss des unterschiedlichen
Gründachaufbaus.
Die Abb. 6 zeigt den monatlichen
Transmissionswärmeverlust, bzw.
-gewinn der vier Felder mit 20 cm
Wärmedämmung. Dabei wird deutlich,
dass das Referenzfeld in allen
drei Sommermonaten einen erheblichen
Wärmeeintrag zu verzeichnen
hatte, der im Juni 960 Wh/m² betrug,
während die übrigen Felder nur etwa
1/5 dieses Wertes erreichten.
In Abb. 5 wird der Transmissionswärmeverlust
der Felder I bis IV
während der Heizperiode Okt. 2007
bis März 2008 dargestellt und in
Abb. 7 der Transmissionswärmeverlust
bzw. -gewinn während der Monate
Juni bis August 2008.
Obwohl in der Winterwoche vom
02.01.2009 bis 08.01.2009 stets
Lufttemperaturen zwischen 0 und
-17°C herrschten, war die Temperatur
unter dem 15 cm Substrat des
grasbewachsenen Gründaches konstant
+1°C. Dies ist vor allem mit
dem im Folgenden beschriebenen
Latentspeichereffekt des feuchten
Substrats zu erklären.
Die prozentuale Reduzierung des
Transmissionswärmeverlustes durch
den Gründachaufbau der Felder II
bis IV zeigt Tabelle 2.
Die vergleichenden Untersuchungen
an den gemessenen sechs Testfeldern
zeigten im Einzelnen:
- Im Vergleich zu dem unbegrünten
Dach verringerte sich der
Transmissionswärmeverlust des
Gründaches mit Grasbewuchs und
15 cm Substrat (Feld III) um 18,2 %,
im Dezember sogar um 25 %.
- Im Vergleich zum Gründach mit
8 cm Substrat und Sedumbewuchs
(Feld VI) verringerte sich der Transmissionswärmeverlust
des Daches
mit 15 cm Substrat und Grasbewuchs
während der Heizperiode um 10 %.
Während im Juli der Wärmeeintrag
bei dem Referenzdach 794 Wh/m²
betrug, floss bei den Gründächern
mit 15 cm Substrat noch 22 bis 85
Wh/m² an Wärme nach außen ab;
dies ist ein erwünschter Effekt um
Überhitzungen von Dachräumen zu
vermeiden.
Schlussfolgerungen
Die Wärmedämmwirkung des Pflanzenpolsters
ist auf folgende Phänomene
zurückzuführen:
- Ein sommerlicher Wärmeschutz
ergibt sich einerseits dadurch, dass
aufgrund der Verschattung durch die
Vegetation die Sonnenstrahlen das
Erdreich nicht erreichen und dass
außerdem die Sonnenergie im Pflanzenpolster
durch Wasserverdunstung,
Reflexion und Photosynthese
weitgehend aufgebraucht wird.
- Das eingeschlossene Luftpolster
wirkt wie eine Wärmedämmschicht.
Man geht davon aus, dass eine
dichtes Graspolster ein λ von 0,17
W/mK und ein erdfeuchtes Substrat
ein λ von 0,6 W/mK aufweist [Dürr
1995, Umweltbundesamt 1987].
- Ein dichtes Vegetationspolster
hält den Wind von der Substratoberfläche
ab. Da dort kaum Luftbewegung
herrscht, ist der Wärmeverlust
infolge von Wind nahezu Null.
- Frühmorgens, wenn die Außenlufttemperatur
am niedrigsten ist,
bildet sich in der Regel Tau an der
Vegetation. Die Taubildung erhöht
die Temperatur in der Vegetationsschicht,
da bei der Kondensation
von 1 g Wasser ca. 530 Kalorien an
Wärme freigesetzt werden. Somit
wird der Transmissionswärmeverlust
etwas reduziert.
- Durch die Wurzelatmung entsteht
ein – wenn auch geringer – Wärmegewinn
im Erdreich, der im Winter
dazu beiträgt, dass das Erdreich weniger
leicht friert.
- Die thermische Masse der Substratschicht
bewirkt eine Reduzierung
der Temperaturamplituden.
- Der so genannte Latentspeichereffekt
des feuchten Substrats bewirkt
eine weitere Dämpfung der Temperaturdifferenzen:
Wenn das Wasser in der oberen
Schicht des Substrats gefriert, werden
bei der Umwandlung von einem
Gramm Wasser zu einem Gramm Eis
ca. 80 Kalorien an Wärme frei. Das
gefrierende Substrat bleibt also sehr
lange bei einer Temperatur von 0°C,
auch wenn die Außentemperatur wesentlich
niedriger ist. Beim Auftauen
von Eis wird zwar die entsprechende
Energie von 80 cal/g Eis für die
Rückwandlung des Aggregatzustandes
wieder verbraucht, diese Energie
wird aber weitgehend der Luft entzogen.
So entsteht insgesamt betrachtet
durch diesen Latentspeichereffekt
ein Wärmegewinn für das Dach.  
|