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Aus: Wohnung + Gesundheit 134, Frühjahr 2010, S. 60-62
Tadelakt (Gyan-Jürgen Schneider) - Vollversion
Eine marokkanische Putztechnik
Schöne, edle und zeitlose Wandoberflächen sind wieder gefragt – der eigene Raum, das Zuhause gewinnt
wieder an Wert. Handwerkliches Können, dessen Charme eine individuelle Sprache und Handschrift ist, erlebt
eine Renaissance gegenüber industrieller Reproduzierbarkeit. Tadelakt, eine marokkanische Putztechnik, lässt
die Gestalter- und Kundenherzen nicht nur in Europa, sondern zunehmend auch in Ostasien bis nach Japan
höher schlagen. Das Wort Tadelakt stammt vom marokkanischen Verb „dellek“ ab und bedeutet kneten, zerdrücken.
Im Ursprungsland Marokko wird
Tadelakt nicht nur für Wände innen
und außen, sondern auch für Fußböden,
Badewannen, Duschen, Waschbecken,
Tischplatten und vor allem
in Hammams, den traditionellen,
orientalischen öffentlichen Bädern,
verwendet

Diese schimmernden, fast wie
schwebend wirkenden Oberflächen
zeichnen sich durch unvergleichliche
Material- und Farbanmutung
aus. Sie sprechen unser Bedürfnis
nach Echtem, Ursprünglichem und
Schönem an, ein sinnliches Erlebnis.
Bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen
wirkt die Farbe einer Talelaktoberfläche
jedes Mal anders.
Tadelakt, eine spezielle Kalk-Tonmischung,
wird in zwei Lagen aufgetragen,
mit Steinen verdichtet und
auf Glanz poliert. Durch diese spezielle
Art der Verarbeitung und das
aufwändige Polieren mit einem Polierstein
entsteht eine faszinierende,
leicht wellige, lebendige, natürlich
glänzende Oberfläche. Die Farbwirkung
ist nicht gleichmäßig wie bei
eingefärbten Putzen, sie ist abhängig
von der Verarbeitung. Wird das
Material stärker verdichtet, entsteht
ein dunklerer, tieferer Farbton. Vergleichbar
ist lediglich gut ausgeführtes
Stucco Lustro, eine reine Kalkglättetechnik.
Die Geschichte vom Tadelakt
Über Tadelakt scheinen nach Informationen
von Herstellern und Verarbeitern,
die sich in Marokko kund
taten und diese Technik dort gelernt
haben, keine aussagekräftigen Dokumentationen
bekannt zu sein. Tadelakt
gibt es wahrscheinlich schon
seit der Antike. Zunächst wurde diese
Technik zur Abdichtung von Zisternen,
die zur Aufbewahrung des
Trinkwassers dienten, angewendet.
Später wurde es in den Hammams,
den orientalischen Bädern, und auch
in Palästen ausgeführt. Traditionell
wird die Tadelakt-Technik von
Berbern beherrscht, die ihr Wissen
um die richtige Verarbeitung von
Generation zu Generation weitergeben.
In Marokko gibt es in der Region von
Marrakesch ein natürliches Kalkvorkommen.
Der dort gewonnene Kalk
hat aufgrund seiner geologischen
Entstehung eine spezielle Zusammensetzung.
Die Natur hat damit
den Marokkanern ein fertiges Produkt
geschenkt, das nur durch Brennen
und anschließendes Löschen einen
verarbeitungsfähigen Kalkputz
mit hoher Dichtigkeit ergibt. Untersuchungen
haben ergeben, dass es
sich um einen hochhydraulischen
Kalk handelt. Hierdurch und durch
die starke Verdichtung bei der Verarbeitung
sowie dem abschließenden
Auftrag einer speziellen Seife ergibt
sich die hohe Festigkeit und Wasserbeständigkeit
Das marokkanische Material unterliegt
natürlichen Qualitätsschwankungen
und hat nicht unbedingt ein
ideales Korngerüst. Jeder Handwerker
hat quasi seine eigene Herstellungsweise.
Vor jeder Anwendung
wird eine Probefläche angesetzt.
Nicht selten entstehen deutliche
Risse.
Inzwischen gibt es deutsche und
niederländische Hersteller, die das
Material den hiesigen Ansprüchen
entsprechend ohne Rissebildung
und in ausgezeichneter Qualität aus
regional verfügbaren Rohstoffen
herstellen. Dies ist auch aus baubiologisch-
ökologischer Sicht zu
begrüßen, da dadurch lange Transportwege
entfallen und die Umwelt
möglichst gering belastet wird.
Inhaltsstoffe
Tadelakt besteht im Wesentlichen
aus natürlichem hydraulischem
Kalk, Quarzsanden verschiedener
Körnung (für die Qualität ist ein bestimmtes
Korngerüst ein ganz entscheidender
Faktor), Marmormehl,
Ton, Asche, Diatomeenerde und zur
besseren Verarbeitbarkeit Cellulose.
Aus den Materialqualitäten von Kalk
und Lehm entsteht etwas Neues, der
Tadelakt. Wichtig für das besondere
Materialverhalten gegenüber Wasser
und Feuchtigkeit ist, dass es sich um
hydraulischen Kalk handelt, ein unter
Wassereinfluss abbindender Kalk,
also nicht um Luftkalk, der unter
Lufteinfluss abbindet. Tadelakt ist
ein rein mineralischer Trockenmörtel,
diffusionsoffen, geruchsneutral
(angenehm), alkalisch. Ein baubiologisches,
von Grund auf in vielerlei Hinsicht empfehlenswertes Material,
das keine Kunststoffanteile oder
Konservierungsmittel enthält.
Untergründe
Tadelakt kann bei entsprechender
Vorbehandlung auf die unterschiedlichsten
Untergründe aufgetragen
und dort verarbeitet werden. Die
letzte dem Tadelakt vorausgehende
Schicht darf nur ein frischer durchgehärteter
(1 Tag pro 1 mm Putzstärke),
rauer Putzuntergrund sein. Um
mögliche spätere Rissebildung des
Untergrundes zu vermeiden, sollte
in den Unterputz ein Nylonglasfasergewebe
eingeputzt werden. Dies
erfordert ein Verputzen in zwei Lagen.
Im Trockenbereich auf Gipskartonoder
Gipsfaserplatten, Altputzen
oder Gipshaftputzen kann als Untergrund
ein normaler Kalkhaftputz
oder Kalkfeinputz mit rauer Oberfläche
aufgetragen werden.
In Feuchträumen oder im Nassbereich
ist als Unterputz ein hochhydraulischer
Kalkputz, Mörtelgruppe
P 2a, oder ein Kalkzementputz zu
verwenden. Vor Auftragen des Tadelakt
sind mögliche Sinterschichten
oder Bindemittelanreicherungen
durch Schleifen oder Ätzen zu entfernen
und der Untergrund ist vorher
zu nässen. Für eine langsame Durchtrocknung
muss gesorgt sein.
Verarbeitung
Tadelakt wird in zwei Lagen mit
einer geeigneten Kelle (Venezianer-
Kelle oder japanische Kellen) aufgetragen.
Nachdem die erste Schicht
druckfest ist, kann die zweite Schicht
aufgetragen werden. Beide Schichten
werden etwas dicker als die
Kornstärke aufgetragen. Die zweite
Schicht kann, nachdem sie leicht
angezogen ist, mit der Kelle vorverdichtet
werden. Dadurch kann später
ein gleichmäßiger Glanzgrad erzielt
werden. Poliert wird mit einem Polierstein, Naturstein oder Hartkeramik,
in kreisrunden Bewegungen.
Danach wird mit einer speziellen
Seifenlösung aus reiner Olivenölseife
verseift und wieder poliert. Das
richtige Timing ist entscheidend,
das erste Verseifen sollte noch am
selben Tag geschehen. Durch das
Verseifen findet ein Hydrophobieren
des Tadelakts statt. Im Nassbereich
muss mehrmals verseift und poliert
werden. Die Seife verbindet sich
mit dem Kalk zu einer wasserunlöslichen
kristallinen Struktur. Das
Verdichten und Polieren findet von
einer groben und offenen Materialkonsistenz
zu einer immer feineren
und dichteren Struktur statt. Dies zusammen
mit dem speziellen Materialgemisch
(Kalk und Tone) bedingt
die Wasserfestigkeit des Tadelakts.
Kleinere Ausbesserungen sind möglich,
bleiben jedoch sichtbar.
Wichtig! Bei allen Arbeitsschritten
sind die Herstellerangaben genau
einzuhalten!
Gestaltungsmöglichkeiten
Tadelakt kann bis zu 10 % Gewichtsanteilen
mit kalkechten Pigmenten
zu wunderschönen Farben
und Farbnuancen abgetönt werden.
Aus baubiologischer Sicht empfehlen
sich Erd- und Mineralpigmente.
Verschiedene weitere Gestaltungsmöglichkeiten
sind:
- Fresken bemalen mit in Kalksinterwasserwasser
gelösten Pigmenten.
- Unterschiedlich eingefärbte Tadelaktmassen
können ineinander
gearbeitet werden
- Krakeeleartige Strukturen (= rissig,
gesprungen als gewünschter
Effekt) können aufpoliert werden.
- Schablonentechnik und das Auskratzen
von Ornamentstrukturen.
- Verschiedene Glanzgrade können
erarbeitet werden
- Waschbecken, Badewannen und
andere Objekte können gestaltet
werden.
Tadelakt bietet viele Gestaltungsmöglichkeiten,
jedoch ist die Sprache,
Ausstrahlung und Schönheit
des Materials und der Oberflächen
für sich selbst schon genug.
Wer kann Tadelakt verarbeiten?
Tadelakt ist eine anspruchsvolle
handwerkliche Technik. Es gehört
Geschick und Erfahrung dazu. Es
empfiehlt sich unbedingt ein Seminar
zur Verarbeitung des Tadelakt zu
besuchen. Etwa zwei Tage braucht
man, um mit dem Material und mit
der Technik vertraut zu werden.
Pflege für Tadelaktoberflächen
Tadelakt braucht eine spezielle Pflege.
Regelmäßig sollte die Oberfläche
5 bis 6 mal im Jahr mit einer Seifenlösung
aus reiner Olivenölseife oder
einem geeigneten Herstellerprodukt
poliert werden.
Als Reinigungsmittel sollte nur stark
rückfettende reine Olivenölseife
verwendet werden. Tadelakt verträgt
keine Öle und tensid- oder säurehaltigen
Mittel. Spritzwasser ist nach
Benutzung möglichst zu entfernen.
Herstellerangaben sind zu beachten.
Dann kann man viele Jahre
Freude an einer Tadelaktoberfläche
haben.
Tadelakt ist ein baubiologisch sehr
empfehlenswertes Material.
Die Schönheit von Tadelakt erschließt
sich über die Farb- und Materialwirkung,
die Haptik (Tastsinn)
und die schlichte Tiefe der Oberfläche.
Tadelakt muss man erleben.  
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