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Wohnung und Gesundheit
W+G Artikel

Aus: Wohnung + Gesundheit 133, Winter 2009, S. 59-61

Farben und Allergien (Gyan-Jürgen Schneider) - Volltextversion

Wandgestaltung für Allergiker mit natürlichen Farben und Materialien

Schöne und gut gestaltete Wände und Räume liegen im Trend. In der heutigen Zeit wird das Wohlbefinden in den eigenen 4 Wänden immer mehr als elementares Grundbedürfnis erkannt und gelebt. Schöne Gestaltung hat nachweisbar eine positive Wirkung auf die menschliche Psyche. Zu den Grundbedürfnissen nach Wärme, Schutz, Geborgenheit, nach dem eigenen Raum kommt das geistige und spirituelle Grundbedürfnis nach ästhetischer Anmutung und Wirkung. In der gestalterischen Praxis lassen sich mit natürlichen Farben und Materialien Oberflächen allerhöchster Qualität und ästhetischer Ausstrahlung erzielen. Das Schlichte, Zeitlose und Schöne, welches zur Verwirklichung Können und Erfahrung benötigt, erfordert die Verwendung natürlicher Materialien.

Oberflächen – die dritte Haut

In Räumen sind die Materialien der uns umgebenden Oberflächen den menschlichen Sinnen am nächsten und in direkter Resonanz mit dem Organismus.

Für mich als Maler und Gestalter ist es bedauerlich, dass im Baugewerbe und im Handwerk die Auswahl der umgebenden Materialien und die Güte der Oberflächen sehr stiefmütterlich behandelt wird. Gerade in der Baubiologie sollten im ganzheitlichen Sinne Güte und Qualität der eingesetzten Materialien eine wesentliche Rolle spielen. Es ist wichtig, dass bereits bei der Planung bedacht wird, dass die Ge- Baustoffe staltung und die Materialien der Oberflächen – von den Fußböden bis hin zu den Wandfarben – das Erste und Direkteste sind, mit dem Bewohner in Kontakt kommen.

Über die Augen, über Berührung bis hin zu Geruch und Geschmack sind wir ständig mit den uns umschließenden Oberflächen verbunden. Selbstverständlich treten wir auch in Verbindung mit Proportionen, Formen, Ausblicken, Himmelsrichtungen, Licht und Schatten und vielem mehr. Wir können gar nicht getrennt von Um- und Mitwelt existieren. Viele spirituelle Lehren berichten von dieser Verbundenheit, moderne Erkenntnisse der Quantenphysik bestätigen dies.

Ständig werden über Farben und Anstriche Reize und Impulse an das regulative System des Körpers gesendet. Dieser geht damit in Resonanz oder auf Abwehr. Eine individuell unterschiedliche Überflutung von Reizen kann im Körper zu Überreaktionen, also auch zu Allergien führen.

Farben und Allergien

In Deutschland leiden etwa 30 % der Bevölkerung unter Allergien, Tendenz steigend. Schimmelpilze, Schadstoffe, chemische Substanzen in Kosmetika, Gluten beinhaltende Nahrungsmittel ... die Zahl der Allergien auslösenden Reize und Substanzen wächst beständig, auch Ausdruck einer Gesellschaft, welche einer ständigen und immer größer werdenden Reiz- und Informationsüberflutung ausgesetzt ist. Farben und Anstriche bestehen mehr oder weniger, aus Bindemitteln, Pigmenten, Lösemitteln und sonstigen Hilfsstoffen. Darin enthalten sind 3 Gruppen von Inhaltsstoffen mit großem allergischem Potenzial:

  • Lösemittel
  • Konservierungsmittel
  • Aldehyde

Lösemittel stellen ein Reizpotenzial dar, welches leider nicht immer über den Geruch als Signal wahrgenommen wird. Lösemittel können als Dauerbelastung auch dann, wenn sie geruchlich nicht wahrgenommen werden, zu allergischen Reaktionen, hauptsächlich Reizung der Schleimhäute und Augen, führen. Und aufgrund gesetzlicher Vorgaben werden heute auch im Naturfarbenbereich zunehmend wässrige Anstrichsysteme mit Wasser als Lösemittel hergestellt und angeboten. Dies erfordert den Zusatz von Konservierungsmitteln, um eine gewisse Lagerstabilität zu erreichen und um Filmbildung im Gebinde zu verhindern.

Konservierungsmittel (= Topfkonservierer) werden v.a. zur Verhinderung des Wachstums von Mikroorganismen wie z.B. Schimmelpilze und Bakterien sowohl im Farbgebinde, als auch im aufgetragenen Anstrich eingesetzt. Im Naturfarbenbereich sind dies i.d.R. Terpene (z.B. Limonen) sowie lebensmittelrechtlich zugelassene Konservierungsmittel. Bei den kunststoffgebundenen wasserlöslichen Anstrichen werden eine Vielzahl von chemischen Substanzen verwendet. Konservierungsmittel können noch mehrere Wochen nach Verarbeitung von Farben ausgasen. Sie können reizend und sensibilisierend auf Augen, Schleimhäute, Haut und Atmungsorgane wirken und allergische Reaktionen bis hin zum Asthma auslösen.

Aldehyde, welche bei der Trocknung von Leinöl entstehen, stellen ebenso ein allergisches Potenzial dar. Leinöl wird als Bindemittel hauptsächlich bei der Herstellung von Naturfarben eingesetzt. Aldehyde führen oft noch Wochen nach deren Verarbeitung zu Geruchsbelästigung bis hin zu Schleimhautreizungen, dies v.a. in der Kombination von Leinöl und Kalk in Kalkfarben. Die Ursachen hierfür sind noch nicht ausreichend geklärt. Ebenso noch nicht ausreichend geklärt ist die Frage, inwieweit der vermehrte Einsatz von Isocyanaten als Bindemittel in Farben ein allergisches Risiko birgt.

Vor allem über den Geruchssinn nehmen wir Belastungen mit allergischem Potenzial, wie z.B. durch Aldehyde, wahr. Vor allem bei natürlichen Stoffen scheint der Geruchsinn noch an einen Fluchtimpuls gekoppelt zu sein, was man durchaus positiv sehen kann. Leider vertrauen wir unseren natürlichen Impulsen oftmals nicht mehr. In ihnen liegt eine körpereigene Weisheit um das, was dem Organismus gut tut oder schadet.

Eigene Erfahrungen

Als Gestalter und Berater hatte ich vor rund 10 Jahren an einem Projekt mit gearbeitet, bei welchem leider, obwohl zunächst geplant, im Laufe des Bauprozesses die Verwendung baubiologisch-ökologischer Farben und Putze drastisch reduziert wurde und stattdessen vorrangig kunststoffgebundene Farben und Putze zum Einsatz kamen. Anschließend wurden von mir die Wände lasiert und in den Schlafräumen wurde ein Kalkstreichputz aufgebracht. Es war Winter und an dauerhaftes Lüften war nicht zu denken. Eine Belastung der Atmungsorgane hatte ich sofort wahrgenommen, aber leider nicht ernst genommen, da mein Geruchssinn keine Signale sendete.

In der Folge hatten sich meine zuvor lediglich ab und an auftretenden allergischen Reaktionen wie Reizungen der Schleimhäute und Augen zu einer ausgewachsenen Allergie entwickelt. Erst durch eine gute homöopathische Behandlung bekam ich schließlich meine Allergie in den Griff. Die Konservierungsmittel waren bei mir der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Konservierungsmittel können die natürliche Besiedelung und Flora der Schleimhäute zerstören; gelegentlich auftretende allergische Reaktionen können sich so zu einer ernsthaften asthmatischen Allergie entwickeln. Das allergische Potenzial von Konservierungsmitteln in Farben und Kosmetika ist groß.

Auch wenn hier ein allergisches Potenzial, das auch in Naturfarben auftreten kann, benannt wird, so sind aus baubiologisch-ökologischer Sichtweise löse- und konservierungsmittelfreie Naturfarben den Kunststofffarben auf alle Fälle vorzuziehen. Schließlich sollte bei der Bewertung von Farben und Anstrichen auch die Ökologie ein mit entscheidendes Kriterium darstellen. Die Materialqualität der meisten Naturfarben und -putze sowie die Verarbeitungsfähigkeit, Haltbarkeit und Anmutung lassen keine Wünsche offen.

Was tun?!

Allergisierendes Potenzial können sowohl konventionelle Farben als auch Naturfarben haben. Aus baubiologischer Sicht empfehlenswert sind deshalb Naturfarben (einschl. Voranstriche und Grundierungen), Putze und Anstriche ohne Lösemittel und Konservierungsmittel.

  • Leinölhaltige Farben im Schlafzimmer als Allergiker auf alle Fälle vermeiden.
  • Nur Farben mit Volldeklaration verwenden.
  • Die Farben und Putze sollten möglichst wenig oder keine Zusatzund Hilfsstoffe, sogenannte Additive, enthalten.
  • Nehmen Sie Musterplatten oder Materialproben über Nacht ins Schlafzimmer; bei akuten Allergien oder Asthma nur nach Absprache mit einem behandelnden Arzt oder Heilpraktiker.
  • Den Geruchssinn und den eigenen Körper als Sinnesorgan wichtig nehmen und zu Rate ziehen; für sich selbst Verantwortung übernehmen. Kompetente Beratung einer Baubiologischen Beratungsstelle, eines Baubiologischen Messtechnikers, eines baubiologischen Handwerkers und/oder des ökologischen Baustoffhandels in Anspruch nehmen.

Die Kosten für Materialberatung bewegen sich im Rahmen von ca. 60 €/h oder pauschal nach Absprache. Für die Ausführung der Maler- und Gestaltungsarbeiten macht Ihnen ein erfahrener baubiologischer Handwerker ein Angebot. Das IBN hilft Ihnen gerne bei der Vermittlung von baubiologischen Beratern oder Handwerkern weiter.

Empfehlenswerte Materialien

  • Farben und Putze in Pulverform, sie benötigen keine Konservierungsmittel. Dazu gehören die Lehmputze und Lehmfarben, sie werden i.d.R. in Pulverform geliefert, oft auch reine Kalk-Feinputze. Sie werden erst vor dem Auftragen mit Wasser angerührt, sind lange lagerstabil und brauchen keinen Zusatz von Konservierungsmitteln.
  • Fertig gemischte reine Silikatund Kalkfarben und/oder deren Putze. Sie benötigen wegen hoher Alkalität und natürlicher Resistenz gegen Schimmelpilze keine Konservierungsmittel. Natürliche Materialien, Farben und Putze sind angenehm zu verarbeiten und zeichnen sich durch eine lange Haltbarkeit und zeitlose Ästhetik aus

Empfehlenswert für Allergiker

Führen Sie Maler-, Renovier- und/ oder Putzarbeiten in beheizten Innenräumen in den Wintermonaten aus. Die Materialien trocknen wegen der trockenen warmen Luft durch die richtige Lüftung – Querlüftung in regelmäßigen Abständen – schneller aus, als in der warmen und feuchten Luft der Sommermonate. Für Allergiker mögliche problematische Stoffe gasen so viel schneller aus und lassen sich über Lüftung zügig abtransportieren. Hohe Luftfeuchtigkeit behindert und verlangsamt die Trocknung von vielen Materialien wie Konservierungsmittel und Ölen (z.B. Leinöl) bis zu mehreren Wochen. Die Mär „im Winter keine Malerarbeiten“ gilt deshalb als veraltet.

Fazit

Gerade für Allergiker finden sich unter den Naturfarben und Putzen schöne und gut verträgliche Produkte. Auch die Farbpalette und die Ästhetik natürlicher Materialien und deren Oberflächen lassen keine Wünsche offen. Mit Naturfarben, Kalk oder Lehm lassen sich gesunde und schöne Oberflächen und Räume gestalten.

Hinweis:

Gyan-Jürgen Schneider ist ab 2010 Seminarleiter der Weiterbildung zum/zur Baubiologischen Raumgestalter/in IBN.