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Institut für Baubiologie + Ökologie IBN

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Wohnung und Gesundheit
W+G Artikel

Aus: Wohnung + Gesundheit 132, Herbst 2009, S. 70

Ein Plädoyer für eine Ethik des Nutzwertes (Ilka Mutschelknaus) Volltextversion

Das Lebenszyklus-Kostenkonzept

Das Lebenszyklus-Kostenkonzept, vorgestellt in W+G 127, 128 und 129 durch Jens Baumgartner, durchdringt jenseits einer reinen Kosten-Nutzen-Analyse im Bauwesen unsere gesamte Lebensweise. Eine Betrachtung unserer Lebenskultur auf dem Hintergrund eines Lebenszyklus-Kostenkonzepts.

Morgens um halb sieben in Deutschland. Auf unseren Frühstückstisch kommt normalerweise nur Bioware: selbst gemachte Marmelade von Früchten aus Mutters Garten, Kaffee aus fairem Handel und, na ja, in Kunststoff verpackter Aufschnitt von Biokäse aus dem Supermarkt. Der Bioladen hatte leider schon zu. Ich denke über das Lebenszyklus-Kostenkonzept des Käses nach. Die 75 Gramm Biokäse für 1 Euro 99 kosten aufgrund der Kunststoffverwertungskosten nunmehr über 2 Euro. Den Käse im Bioladen am Stück hätte ich für 2 Euro 29 bekommen und die Verwertung des Kunststoffs als Rückstand meines Handelns wäre überflüssig gewesen.

Auf dem Weg ins Büro schneidet mir so eine Abwrackprämientrophäe der Marke Seat den Weg ab. Beim Anblick all dieser neuen wirtschaftspotenten Flitzer verbünde ich mich brüderlich mit meinem nicht ganz neun Jahre alten abgewirtschafteten Japaner und klopfe ihm tapfer auf sein Armaturenbrett: Von den gesparten 5000 Euro könnte ich mir so viel Wichtigeres leisten! Auch wenn der Zusatznutzen meines alten Wagens im Vergleich zu einem wesentlich komfortableren Neuwagen scheinbar ins Minus gerät; wie man es dreht und wendet, im Lebenszyklus- Kostenkonzept schneidet der kleine alte Japaner doch besser ab. Im Büro am Computer fliegt mein Auge über die Headlines der Onlineausgabe und bleibt am US-Präsidenten hängen. Auch wenn Barack Obama, die scheinbare Lichtgestalt am Weltpolitikhimmel, mit seiner Politik der kollektiven Vernunft als aufklärerischer Messias nun die Welt bereist, wird er vieles nicht ändern können und auch nicht wollen: die ethischen Interessen werden den wirtschaftlichen weiter hintan gestellt werden.

Stichwort Schweinegrippe: In Nullkommanix drängt die drohende Pandemie die Hauptnachrichten zur Weltwirtschaftskrise in den Hintergrund, um zu verkünden, dass die Rettung in Form von Tamiflu, einem massenhaft auf Lager befindlichen pharmazeutischen Produkt, dessen Verfallsdatum bald erreicht ist, naht und nun unter die Bevölkerung gebracht werden kann. Das wird den Lebenszyklus-Kostenwert der Kapseln beträchtlich zum Positiven verändern.

Und wie sieht es denn in der Gesundheitspolitik aus? Inzwischen hat die uns in allem durchdringende Kultur der Effizienzsteigerung unsere Zeit gestohlen. Keine 3 Wochen Erholungsurlaub; vielmehr fahren wir für 4 Tage Wellness all inclusive im Spa-Tempel in den Harz und bei Fielmann kann ich mir nun alle 2 Jahre eine neue Brille leisten dank der Sehhilfen-Zusatzversicherung. Aber: lasse ich meine alte Brille meiner Bekannten zukommen, die Sehhilfen für Burkina Faso sammelt, dann schneidet die neue Sehhilfe dank Fielmann nicht so schlecht ab in der Bilanz. Das Leben ist wirklich kompliziert geworden und die FC Bayern-Trainer- Hire-and-Fire-Mentalität ist nur ein Symptom für den Mangel an Verständnis für die Komplexität eines Lebenszyklus-Kostenkonzepts. Egal ob in der Land- oder Textilwirtschaft, in der Produktion von technischen Artikeln oder beim Häuslebauen: wären wir geschult in der Betrachtung von Lebenszyklen, würden wir bei unseren Kindern beginnen zu hinterfragen, was Ganzheitlichkeit und Nachhaltigkeit im Vergleich zu Hedonismus und Kurzsichtigkeit bewirken kann, dann wäre unser Verhältnis von Grundnutzen und Zusatznutzen im Sinne der Wirtschaftstheorie ausgeglichener.

Wie werden unsere nachfolgenden Generationen leben, wenn wir die Weichen nun stellen auf „Geiz ist Geil“ und „Ex und Hopp“? Woher kommt dieses mittlerweile alle Gesellschaftsschichten durchdringende Denken? Wenn man früher 5 Kinder auf die Welt brachte, musste es für alle reichen. Heute ist es wohl nicht mehr so entscheidend im Sinne der für 1,3 Kinder nachfolgenden Generation, nachhaltig zu handeln?

Alle Schuld in der politischen Gesinnung der marktwirtschaftlichen Gewinnmaximierung zu sehen, hilft da nicht weiter. Wir alle haben jeden Tag die Wahl, uns zu entscheiden, wie unser Handeln im Hinblick auf ein Life Cycle Costing ausfällt. Beim Käse fürs Butterbrot fängt es an. Und beim Schimmel im Haus geht es weiter. Wir haben jede Menge zu entscheiden und: es ist manchmal sehr anstrengend!