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Aus: Wohnung + Gesundheit 132, Herbst 2009, S. 57-58
Nachhaltig oder schön, gut und nützlich ? (Klaus Zahn) - Volltextversion
Der Begriff “Nachhaltigkeit” in der Krise
Es scheint, dass alles über Nacht nachhaltig geworden ist. Wer „googelt“ findet zum Thema „Nachhaltigkeit“
3.25 Mio. Einträge. Jeder Zeitungsleser und Fernsehzuschauer wird täglich mit diesem Begriff konfrontiert.
Müde und gelangweilt winken viele Menschen mittlerweile bei diesem Thema ab. Der Begriff wird einerseits
inflationär benutzt, andererseits wird er selten wirklich greifbar: Politiker und hochrangige Wirtschaftsvertreter
sprechen unaufhörlich darüber. Oft begnügen sie sich damit, alten Begriffen und Sätzen das n-Adjektiv voranzustellen
und schon wird alles gut: „ Wir brauchen eine nachhaltige Energieversorgung, eine nachhaltige
Finanzarchitektur, eine nachhaltige Bildung, ein nachhaltiges Steuersystem, eine nachhaltige Wirtschaft, ein
nachhaltiges Beschaffungswesen“ usw. Die Folge ist ein massiver Verlust an Glaubwürdigkeit.
Nachhaltigkeit steckt
in der „Expertenfalle“
Die wenigsten Menschen verstehen, was damit gemeint ist, nicht selten
auch diejenigen, die den Begriff
wahllos verwenden. Das „N“-Wort
bleibt ein Fremdwort und wird zunehmend
zum Unwort. Gleichzeitig
steckt der Begriff in der Expertenfalle.
Die großen Probleme und
Herausforderungen unserer Zeit
sind unter Beteiligung von Experten
entstanden. Sie haben einen Fortschritt
„gepredigt“, der in der geistig-
emotionalen Abspaltung von unseren
natürlichen Lebensgrundlagen
besteht. Raum- und Regionalplaner,
Stadtplaner, Verkehrsplaner, Bauingenieure,
DIN-Ausschüsse und Architekten
sind im Verbund mit dem
Gesetzgeber verantwortlich für massive
Fehlentwicklungen.
Der Bürger wurde und wird bei diesem
Gestaltungsprozess zunehmend
entmündigt.
Wer die Begriffshoheit
erringt, bestimmt den Diskurs
Auch in Architektur und im Städtebau
ist der inflationäre Gebrauch
des Wortes festzustellen. Von heute
auf morgen sind aus den Vertretern
von Denkrichtungen, die die wesentlichen
Elemente einer ganzheitlichen
Nachhaltigkeit bis heute negiert
haben, zu selbst ernannten Protagonisten
nachhaltiger Architektur
und Städtebaus geworden. „Greenwashing“
findet allerorten statt! Albert
Einstein behält auch hier Recht,
dass das Denken, das die Probleme
geschaffen hat, die Lösungen dafür
nicht finden kann.
Es reicht einfach nicht aus, den Klimawandel
durch Effizienz optimal
gestalten zu wollen und unseren
Gebäuden einfach nur eine (meist
stofflich bedenkliche) „Wollmütze“
aufzusetzen - wenn auch sauber vom
Haustechniker berechnet. Hat ein arrivierter
Architekt ein Gebäude in
konventioneller, also moderner Bauweise
in Stahl-Glas-Beton errichtet
und sein Haustechniker eine Wärmepumpe
als Heizsystem geplant,
ist das die beste Voraussetzung für
eine Professur für umweltgerechtes
Planen und Bauen, abgesehen davon, dass die Dauerkarte für Aufträge bei
der öffentlichen Hand und die Veröffentlichungen
in den einschlägigen
Architekturmagazinen gesichert ist.
Alles, was sich sagen lässt,
lässt sich einfach sagen
so der Wiener Philosoph Ludwig
Wittgenstein. Es gilt, den Begriff der
Nachhaltigkeit mit Inhalt und Bedeutung
zu füllen und ihn verständlich,
nachvollziehbar und für jeden
Menschen begreifbar zu machen.
Wenn wir auf die kulturelle Entwicklung
der Menschen zurück blicken,
werden wir feststellen, dass
es bereits seit der Antike Kriterien
gab, die man auch heute noch unter
dem Begriff der Nachhaltigkeit
fassen könnte. Sie hatten meistens
mit Schönheit und Harmonie zu tun,
sollten aber auch gut sein und Nutzen
bringen.
In der neueren Geschichte beispielsweise
im Deutschen Werkbund
wurde 1915 als wesentliches Ziel
formuliert, dass eine Sache, ein Produkt
oder ein Haus dazu dienen soll,
die Qualität der menschlichen Umwelt
zu verbessern. Motto des Werkbundes
ist die gute Form.
Eine Sache, ein Produkt, ein Gebäude
(oder eine Stadt) kann man
also dann als nachhaltig bezeichnen,
wenn es sowohl schön, gut und nützlich
ist!
Schön, Gut und Nützlich
Mit dieser Definition erhalten wir
die Möglichkeit, die Inhalte des Begriffes
nachvollziehbar und messbar
zu machen. Innovative Technologie
hat selbstverständlich ihre Berechtigung.
Technik alleine macht aber ein
Gebäude noch nicht „nachhaltig“.
Die Einhaltung formaler Kriterien
eines Baustils, zu dem die Moderne
geworden ist, mögen dazu führen,
dass die Architektenschaft diese
Produkte als ästhetisch definieren.
Tatsache aber ist, dass der große Teil
der Gesellschaft oft ratlos vor diesen
Gebäuden und Stadtquartieren
steht und sie oft als hässlich empfindet.
Die anfangs beschriebene
Abspaltung der Experten von grundlegenden
seelisch-emotionalen Gegebenheiten
findet hier ihren sichtbaren
Ausdruck.
Schön
Schönheit wird oft mit Ästhetik
gleichgesetzt. Wir empfinden etwas
als schön, wenn es eine angenehme
Wirkung auf die Sinne hat.
Schön wird mit den Begriffen
glänzend, rein, hell, durch Aussehen
Wohlgefallen erregend, herrlich,
gut, lieblich, festlich, ansehnlich
assoziiert. Als nicht schön gilt z.B.,
was hässlich, scheußlich, abstoßend,
ekelerregend, furchtbar, kalt, düster,
dunkel usw. ist.
Gut
Etwas gilt als gut, wenn es vom Menschen
positiv bewertet, empfunden
oder gefühlt wird. Synonyme sind:
positiv, schön, fein, wohl. Gegenwörter
sind: schlecht, negativ und
böse. Ähnliche Bedeutung haben
folgende Wörter: vornehm, tauglich,
wertvoll, trefflich, brauchbar, fruchtbar,
passend, gerecht.
Nützlich
Als nützlich empfinden wir, wenn
etwas dienlich, einträglich, ergiebig,
ersprießlich, ertragreich, fruchtbar,
fruchtbringend, förderlich, gedeihlich,
gewinnbringend, gut, heilsam,
konstruktiv, lohnend, sinnvoll, handlich,
geeignet, tauglich, verwendbar,
wirksam, zweckvoll, vorteilhaft ist.
Synonyme sind: anwendbar, aufbauend,
dankbar, empfehlenswert,
fördernd, segensreich. Gegenwörter
sind: unnütz, überflüssig, unfruchtbar,
schädlich, zerstörerisch, zersetzend,
sinnlos, untauglich, krankmachend.
Überwinden wir unsere
Sprachlosigkeit
Beim Lesen der einzelnen Bedeutungen
wird man erstaunt sein, wie
einfach, treffend und dienlich diese
drei Begriffe zur Bewertung von
„Nachhaltigkeit“ sind. Stellen wir
uns ein konkretes Gebäude oder ein
Stadtquartier vor und fragen wir uns:
hat es eine angenehme Wirkung auf
unsere Sinne? Erregt es unser Wohlgefallen?
Ist es ansehnlich, gut und
lieblich? Ist es brauchbar, wertvoll
und passend? Ist es förderlich und
heilsam für seine Nutzer? Ist es ein
sinnvolles, taugliches, aufbauendes,
lohnendes und gewinnbringendes
Gebäude? Ist es segensreich?
Man wird unter Anwendung dieser
Begrifflichkeiten bei vielen aktuellen,
preisgekrönten, überall veröffentlichten
„modernen“ und als
nachhaltig bezeichneten Gebäuden
feststellen, dass sie vieler dieser Kriterien
nicht gerecht werden.
Es ist erstaunlich, wie weit man in
der Geschichte zurückgehen kann,
um wertvolle Anregungen für die
Definition des Begriffs der Nachhaltigkeit
zu entdecken. So erfahren wir
von Ignatius von Loyola (16. Jahrhundert),
dass eine Sache oder ein
Vorhaben dann gut (der gute Geist)
ist, wenn es am Anfang, in der Mitte
und am Ende eine gute Auswirkung
besitzt. Übersetzt in die Sprache des
21. Jahrhunderts finden wir diesen
Ansatz in der Cradle to Cradle (C2C)
Philosophie Michael Braungarts und
William Mc. Donnoughs (s. Artikel
„Einfach intelligent produzieren“ in
W+G Nr. 130).
Entdecken, begreifen und nützen
wir unsere Sprache und meiden wir
Unwörter, wo immer es geht.
 
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