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Aus: Wohnung u. Gesundheit 125, Winter 2007, S. 70-71
Katharina Gustavs: Die atmende Wand [Volltextversion]
Irrtümer und Missverständnisse
Das Konzept der atmenden Wand geht auf Max von Pettenkofer (1818-1901) zurück, einer der fähigsten Hygieniker
seiner Zeit und Wegbereiter der Arbeits- und Umwelthygiene, wie wir sie heute kennen. Indem er sich
für den Bau einer zentralen Trinkwasserversorgung und Abwasserbeseitigung einsetzte, verbesserte sich die
Gesundheit der Stadtbevölkerung erheblich und er selbst erlangte Berühmtheitsstatus.
Auf seiner engagierten Suche nach
besseren Lebensbedingungen führte
von Pettenkofer Kohlendioxid-Messungen
als wichtiges Qualitätsmerkmal
der Innenraumluft ein. In seinem
Arbeitszimmer führte er Messungen
zur Luftwechselrate durch. Da das
Zimmer aus Ziegelwänden, einem
Kachelofen und abgedichteten Fenstern
bestand, nahm er an, dass die
Ziegelwände luftdurchlässig sind.
Denn selbst, nachdem er das Schlüsselloch
und auch andere Ritzen abgedichtet
hatte, fiel die Luftwechselrate
nur um ungefähr ein Viertel.
Aus heutiger Sicht geht man davon
aus, dass Pettenkofer die Wirkung
des Kamins eines im Raum befindlichen
Ofens auf die Lüftungsrate
außer Acht gelassen hatte.1 Er ersann
auch ein Experiment, in dem es
ihm gelang, eine Kerze auszublasen,
die zuvor durch einen Zylinder aus
Ziegelstein gepumpt wurde, der bis
auf beide Enden rundherum abgedichtet
war. In seinem Eifer übersah
er jedoch die Tatsache, dass die natürliche
Luftdruckdifferenz an einer
Wand zwischen innen und außen
mit ca. 30 Pascal um ein Vielfaches
niedriger liegt als der Druck, der für
sein Kerzenausblas-Experiment notwendig
ist.
Von Pettenkofers Berühmtheitsstatus
war vielleicht einer der Gründe, warum
seine Hypothese von der „natürlichen
Lüftung“ durch die Wände
nicht bereits vor den zwanziger Jahren
als unwissenschaftlich entlarvt
wurde.2 Obgleich er den Begriff
„atmende Wand“ selbst nie benutzte,
nahm dieser Begriff ein Eigenleben
an, das bis in unsere heutigen Tage
Bauphysik
immer wieder verwendet wird. Das
„Institut für Baubiologie und Ökologie
Neubeuern“ (IBN) empfiehlt,
den Begriff „atmende Wand“ zu
meiden, weil er den Realitäten, die
sich in den komplexen Prozessen
einer Wand abspielen, nicht gerecht
wird.
In der Baubiologie wird ein natürliches
Haus mit einem lebendigen
Organismus verglichen, der – so
weit wie möglich – nachhaltig, energieeffizient
und aus natürlichen
Materialien sein sollte, die Teil des
Naturkreislaufs sind und keinen giftigen
Abfall produzieren. Das Dach
und die Wände werden oft als unsere
„dritte Haut“ bezeichnet, wobei
davon ausgegangen wird, dass
ebenso wie menschliche Haut auch
die Haut des Hauses in ständigem
Kontakt mit der Außenwelt steht
und eine entscheidende Rolle bei
der Erhaltung eines gesunden Innenraumklimas
spielt.
Luftaustausch
Es stimmt, dass für ein gesundes
Wohnraumklima die kontinuierliche
Zufuhr sauerstoffreicher Luft und
die Reduktion des Kohlendioxidgehalts
erforderlich ist. Wie bereits
erwähnt, handelt es sich bei der
Vorstellung, dass Wände „atmen“
könnten, um ein Missverständnis.
Obgleich die Porosität der einzelnen
Wände unterschiedlich groß ist, ist
die Luftdruckdifferenz zwischen der
Außen- und Innenluft nie groß genug,
als dass ein nennenswerter Luftaustausch
durch Außenwände befördert
werden könnte; bei fachgerechter
Ausführung werden auf diese Weise
lediglich 0 bis max. 4 % des nötigen
Luftaustausches erreicht. Wenn
Luft durch eine Wand hindurchgeht,
dann geht sie nicht durch die Wand
hindurch sondern durch Undichtigkeiten
wie Fugen, Risse, schlecht
abgedichtete Bauteilanschlüsse o. ä.
Aber diese Art der Frischluftzufuhr
ist am wenigsten wünschenswert, da
sie im Winter einen hohen unkontrollierbaren
Wärmeverlust verursacht,
für unangenehme Zugerscheinungen
sorgt und zu Tauwasser- und
in der Folge Schimmelbildung führen
kann.
Um eine in der Baubiologie empfohlene
Luftwechselrate von 1, d. h. die
Raumluft wird einmal pro Stunde
komplett erneuert, zu gewährleisten,
ist entweder eine Lüftungsanlage
(aus energetischen Gründen idealerweise
mit Wärmerückgewinnung)
notwendig oder es muss mehrmals
am Tag durch offene Fenster quergelüftet
werden. Für natürliche Lüftungsarten
sind Massivbauweisen
(auch Holzmassivbauweisen) besonders
gut geeignet, weil während einer
kurzen Fensterlüftung im Winter
ihr hohes Wärmespeichervermögen
den Wärmeverlust auf ein Minimum
beschränkt.
Feuchtigkeitstransport
Als Wasserdampfdiffusion bezeichnet
man die Bewegung des Wasserdampfes
durch Baustoffe hindurch.
Temperatur und relative Luftfeuchte
beeinflussen die Geschwindigkeit
der Diffusion und damit die Menge
des diffundierenden Dampfes. Da warme Luft mehr Luftfeuchtigkeit
aufnehmen kann als kalte Luft, bewegt
sie sich in gemäßigten Klimazonen
im Winter meist von innen
nach außen und im Sommer von außen
nach innen (Dampfdruckgefälle).
Bei vielen natürlichen Baustoffen
wie Lehm, Ziegel oder Vollholz
wird dieser Feuchtetransport aufgrund
guter kapillarer Leitfähigkeit
(Hygroskopizität) unterstützt.
Jeder Wandaufbau sollte so gestaltet
sein, dass die Tauwasserbildung
verhindert wird. Baumaterialien,
die Feuchtigkeit besonders gut abtransportieren
können, bieten daher
einen doppelten Schutz, indem sie
dafür sorgen, dass flüssiges Wasser
niemals in der Wand eingeschlossen
bleibt. Das funktioniert natürlich nur
dann, wenn auch die Oberflächen zu
einem hohen Grade wasserdampfdurchlässig
sind. Geeignet sind zum
Beispiel Silikatfarben, Kalkfarben
oder viele Naturharzprodukte für
Holz.
Die Wasserdampfmenge, die eine
Außenwand tatsächlich nach außen
transportieren kann, ist relativ gering,
wenn auch wichtig zur Austrocknung
der Wände und damit
zur Vermeidung von Feuchte- und
Schimmelschäden. Im Winter, wenn
in nördlichen und gemäßigten Klimazonen
niedrige Außentemperaturen
herrschen, werden etwa nur 1
bis 2 % der Innenraumfeuchte z.B.
durch Ziegelwände nach außen abtransportiert.
Auch in diesem Zusammenhang
wird deutlich, dass
der größte Teil der Feuchtigkeit, die
gewöhnlich in einem Haus anfällt,
durch aktive Fensterlüftung und/
oder mechanische Belüftungsanlagen
hinausgelüftet werden muss.
Feuchteausgleichsvermögen
Baumaterialien und Oberflächenbehandlungen,
die über ein hohes
Feuchteausgleichsvermögen (Hygroskopizität)
verfügen, verbessern
die Qualität des Raumklimas
erheblich, weil sie dazu beitragen,
kurzzeitige Feuchtigkeitsspitzen
auszugleichen. Viele natürliche
Baumaterialien sind sehr hygroskopisch
und können große Mengen
an Wasserdampf absorbieren.
Bei 50 % Raumluftfeuchte kann
z.B. ein Kalkzementmörtel ca. 1,8
kg/m2 oder Vollholz ca. 1,08 kg/m2
aufnehmen, während z.B. Gipsplatten
nur ca. 0,09 kg/m2 aufnehmen
können (jeweils 2 cm unbehandelt).4
Aber sobald man hygroskopische
Baustoffe z.B. mit einer konventionellen
Dispersions- oder Latexfarbe
mit hohem Diffusionswiderstand
überstreicht, sinkt die Wasserdampfabsorption
erheblich. Aus diesem
Grund ist es wichtig, Oberflächenbehandlungen
auszuwählen, die
wasserdampfdurchlässig sind, wie
zum Beispiel Silikat- Kalk- oder
Lehmfarben oder entsprechende Naturharzprodukte.
Außerdem sei darauf hingewiesen,
dass für den wichtigen kurfristigen
Feuchte-Pufferungseffekt (einige
Stunden) nur die ersten 1 bis 2 cm
der Innenraumoberfläche wirksam
sind. Daher kann fast jeder Wandaufbau
von diesem Effekt profitieren,
wenn man z.B. einen Lehmputz oder
eine Holzschalung aufbringt.
Es ist unklar, warum die Vorstellung
von der „atmenden Wand“, die von
so vielen Missverständnissen geplagt
ist, sich weiterhin hält. Es ist
jedoch eindeutig klar, dass sich jede
Außenhaut eines Hauses mit zwei
großen Herausforderungen auseinandersetzen
muss: Erstens kein
Wasser hereinzulassen. Und zweitens,
falls Wasser eindringt, es wieder
herauszulassen. Im Gegensatz
zu der weit verbreiteten Anwendung
von Dampfsperren wird in der Baubiologie
ein dampfdiffusionsoffenes
(allerdings winddichtes und tauwassersicheres)
Bauen bevorzugt, wobei
Wasserdampf durch die einzelnen
Bestandteile einer Wand ohne Tauwasserbildung
hindurchdiffundieren
und kapillar austrocknen kann.
Sorption von Gerüchen
und Giftstoffen
Offenporige diffusionsfähige und
hygroskopische Baustoffe sind nicht
nur in der Lage, ausgleichend auf
die Raumluftfeuchte zu wirken, sondern
können auch innerhalb gewisser
Grenzen Gerüche und Giftstoffe absorbieren,
was sehr wichtig für ein
gesundes und harmonisches Raumklima
ist. So wird der Geruch in solchen
Häusern i. d. R. als wesentlich
angenehmer empfunden, also in vielen
konventionellen Häusern.
Katharina Gustavs, BBEC C.T.
 
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